Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Reform des (deutschen) Schulsystems und was soll Schule vermitteln
In Deutschland haben wir 4 Jahre Grundschule und dann trennen wir die Schueler auf in drei unterschiedliche Gruppen: Hauptschule, Realschule Gymnasium.
Im Moment wird an dem System viel rumgeschraubt. Aber bevor wir møgliche Alternativen diskutieren, kønnen wir uns ueberlegen, was Schule ueberhaupt vermitteln soll.
Fuer die Grundschule ist das recht einfach: Lesen, Schreiben, Rechnen und noch ein bisschen Regionalkunde und Englisch. Das sind grundlegende Techniken um ueberhaupt lernen zu kønnen. Aber was braucht man danach noch fuer Wissen? Muss es sein, dass man in Geschichte Jahresdaten runterrasseln kann oder ist es wichtiger Zusammenhænge zu verstehen? Ist es wichtiger die Techniken zu beherrschen, etwas zu erlernen, um dann selbststændiges Lernen zu ermøglichen oder ist es notwendig, (auswendig) gelernters Detailwissen abzufragen?
um das Beispiel Geschichte (hatte Geschichte LK) mal aufzugreifen. Wir mussten keine Jahreszahlen runterrasseln können. Gute wichtige sollte man schon wissen, aber eben nicht alles so wie es bspw. meine Eltern noch mussen. Bei uns wurde Wert auf die Vermittlung von Zusammenhängen gelegt und das hat mir persönlich gut gefallen. Aehnliches galt für Politik.
Zu letztem Punkt hatte ich mich in dem anderen Fred ja schon geäussert. Ich finde es wichtiger, Techniken zu vermitteln, die selbständiges Lernen ermöglichen. Auswendig gelerntes Detailwissen ist hübsch, wenn man es hat, nützt aber nichts, wenn man nicht weiss, wie und wo man es anwendet.
Edit: auch eine eigene Erfahrung. Für naturwissenschaftliche Fächer hätte mich mir selbst viel mehr gewünscht, auch Dinge selbst auszuprobieren / erfahren zu können. Bsp. Physik. Ich hatten einen Lehrer, der wirklich jeden Versuch vormachte und wir sassen rum und langweilten uns. Insofern war Physik jahrelang für mich ein Greuel. Erst viel später fand ich heraus, dass es einfach ein hochspannendes Fach ist.
Physik ist für mich persönlich das beste Beispiel für "lernen durch verstehen". Ich hatte bis zur 11.2 nur Lehrer, denen es in tests oder Klausuren darauf ankam, dass man mit auswendig gelernten Formeln Aufgaben rechnet. Hatte ich damals ne Formel vergessen, ich konnte sie mir nicht herleiten. Erst unser Lehrer ab dem 2. halbjahr der 11 warf das alles über den haufen. Für ihn kam es drauf an, dass wir verstehen, was die Formeln ausdrücken, wo sie herkommen, eben Zusammenhänge verstehen. Von da an bestand eine klausur auch schonmal aus einem vorgeführten Versuch, zu dem wir uns dann selbst Gedanken machen mussten, oder aber es kam ne Rechenaufgabe und danach wurden einzelne Sachen hinterfragt(Ist es möglich, das ganze auch über den und den weg zu machen? was passiert, wenn sich diese oder jene Begebenheit änder? etc). Es ging also wirklich ums verstehen und von da an hab ich Physik geliebt
Zu letztem Punkt hatte ich mich in dem anderen Fred ja schon geäussert. Ich finde es wichtiger, Techniken zu vermitteln, die selbständiges Lernen ermöglichen. Auswendig gelerntes Detailwissen ist hübsch, wenn man es hat, nützt aber nichts, wenn man nicht weiss, wie und wo man es anwendet.
ein gewisser grundstock an wissen ist wichtig, um unsere gesellschaft verstehen zu können.
aber ich stimme dir zu, dass es immer bedeutender wird, techniken zuvermitteln, denn wissen veraltet heute sehr schnell und lebenslanges lernen wird immer wichtiger.
außerdem kann die schule heutzutage unmöglich alles vermitteln, was in unserer zeit wichtig ist/ wichtig wird.
natürlich ist Grundstock an Lernen wichtig, auf dem man aufbauen kann. Da sind wir uns, denke ich, auch alle einig. Der Punkt ist: was kommt danach? Und da finde ich die Techniken des Lernens wichtig. Vor allem in einer Zeit, in der die Halbwertszeit des Wissens eine ganz andere ist als zum Beispiel die von unseren Eltern oder Grosseltern. Zu dem Thema gibts es übrigens ganz interessante Aufsätze.
@kirsten: genau das meine ich. Und ich hatte eben das "Pech" aufgrund Lehrermangels in Physik immer ein und den selben "Versuchsvorführer" zu haben. Das Beispiel, das du anbringst, hatte ich in Mathe. Ein halbes Jahr eine andere Lehrerin gehabt, die super erklären konnte. Note am Ende des Halbjahres war zwei besser als sonst. Danach anderer Lehrer mit dem Erkläransatz "das ist eben so". Prompt genauso schlecht wie vorher.
Ein ganz anderer Fall, an den ich mich gerade erinnere: Deutschunterricht kann auch sehr "hübsch" werden. Ich erinnere mich an eine Arbeit zu Kafkas "Verwandlung". Zwei Kurse mit einer identischen Aufgabenstellung zu einer Textsequenz in der Klausur. In Kurs A war eine Interpretation richtig, in Kurs B eine andere. Blöd nur, dass ich in Kurs B sass und die Interpretation von Kurs A als Ergebnis hatte. Frage wie bewertet man so etwas. Die Interpretation, die ich als Lehrer habe ist richtig? Ich habe selbst später - trotz allem ;-) - Germanistik studiert und ich denke, so lange eine andere Interpretation in sich schlüssig und nachvollziehbar ist, ist sie genauso richtig oder falsch wie meine eigene. Und damit muss ich die Technik der Herleitung des Ergebnisses beurteilen und nicht die Passgenauigkeit zu meiner eigenen Interpretation.
Muss es sein, dass man in Geschichte Jahresdaten runterrasseln kann oder ist es wichtiger Zusammenhænge zu verstehen? Ist es wichtiger die Techniken zu beherrschen, etwas zu erlernen, um dann selbststændiges Lernen zu ermøglichen oder ist es notwendig, (auswendig) gelernters Detailwissen abzufragen?
Als Geschichtslehrer bekomme ich genau diese Frage auch immer wieder von meinen Schülern gestellt.
Grundsätzlich ist es viel wichtiger, Zusammenhänge zu verstehen, da gebe ich dir Recht.
Um das allerdings zu können, ist ein gewisser "Grundstock" an Jahreszahlen unerlässlich, denn ohne ist es nicht möglich, historische Ereignisse zueinander in Bezug zu stellen; und diese Zahlen sollten gelernt werden. Das macht nicht besonders Spaß, aber es ergibt einfach Sinn, eine Basis zu haben, auf der man dann aufbauen und tatsächlich "Geschichte" vermitteln kann.
Bei Geschichte mag das wegen der Jahreszahlen vielleicht besonders auffällig wirken, aber bei jeder anderen Wissenschaft bzw. jedem anderen Schulfach ist es ja auch erforderlich, zunächst "trockenes" Basiswissen zu erlernen, um dann damit eben sozusagen richtig in das Fach "eintauchen" zu können.
Zum zweiten Teil deiner Frage: Ich persönlich bin eigentlich grundsätzlich eher dagegen, dass Schüler mit stupide auswendig gelerntem Detailwissen glänzen. Trotzdem (s.o.) ist es zum Teil einfach fürs "große Ganze" wichtig, denn das ist ja erst die Voraussetzung für selbstständiges Denken und Lernen.
the eagle
25.04.2009, 19:04
Fuer die Grundschule ist das recht einfach: Lesen, Schreiben, Rechnen und noch ein bisschen Regionalkunde und Englisch.
(Habe hier Kaethe zitiert, hat aber irgendwie net ganz so geklappt wie ich das wollt)
Klingt logisch. Nur leider sieht die Realität da unter Umständen etwas anders aus. Früher war es die Aufgabe Lesen, Schreiben, Rechnen,... beizubringen. Heute muß man auch noch beibringen, wie man sich benimmt, die Uhr liest oder Schuhe bindet. Das andre muß nebenher laufen (Zitat einer Lehrerin der Grundschule)
Was in meinen Augen auch ganz übel werden könnte, ist die Abschaffung der Hauptschule und die Geburt der Realschule plus. Es gibt halt mal Schüler, die mit mehr wie Hauptschul-Niveau überfordert sind. Immerhin gibt es ja auch genügend, die den Abschluß dort net schaffen. Meine Befürchtung ist also, daß das Niveau in der Realschule ziemlich absinkt. Was schade für die breite Masse ist.
Ich würde die Grundschule gern auf 10 Jahre verlängern und dann erst die Kinder endgültig auseinander dividieren. Das Problem, dass einige bestimmte Dinge schneller lernen, kann man durch eine gute Binnendifferenzierung lösen. Zum einen entwickeln sich einige Kinder langsamer und könnten später durchaus die Haupt- oder Realschule schaffen. Zum anderen ist die Klassenzusammensetzung eine andere und es schadet weder den jetzigen Gymnasiasten zu lernen, dass es Menschen gibt, die Probleme mit Lernen haben und Hauptschüler, dass es nicht cool ist, gar nichts zu können. Durch eine Binnendifferenzierung gibt es für schwächere Schüler auch den Anreiz, in verschiedene Kurse unterschiedlichen Niveaus auf- und abzusteigen. Das gibt schwächeren Schülern vielleicht nicht gleich das Gefühl, das alles mit dem Besuch der Hauptschule verloren ist.
Das andere Problem, dass Lehrer Erziehungsarbeit übernehmen sollen, muss anders gelöst werden, z.B. mehr Sozialarbeiter an der Schule.
Was in meinen Augen auch ganz übel werden könnte, ist die Abschaffung der Hauptschule und die Geburt der Realschule plus. Es gibt halt mal Schüler, die mit mehr wie Hauptschul-Niveau überfordert sind. Immerhin gibt es ja auch genügend, die den Abschluß dort net schaffen. Meine Befürchtung ist also, daß das Niveau in der Realschule ziemlich absinkt. Was schade für die breite Masse ist.
:up:
ich denke, die abschaffung der hauptschule würde zu einer verschiebung innerhalb des systems führen: immer mehr eigentliche realschüler würden stattdessen auf das gymnasium gehen. und das würde dann dazu führen, dass aus der realschule wieder so etwas wie eine hauptschule wird.
deshalb kann man sich diese reform wirklich sparen.
the eagle
25.04.2009, 19:30
@Kaethe: Das mit ner Supernanny oder Sozialarbeitern an Schulen für Erziehungsfragen wär ne gute Sache.
Letztens hat das Schauspiel-Ensemble in Kaiserslautern am Theater eine Vorfürhrung von *Kabale und Liebe* unterbrechen müssen, weil die Schüler so dermaßen das Stück gestört haben, daß ein Weiterspielen unmöglich war. Andauernd haben Handys geklingelt, es wurden Privatgespräche geführt,.... Erst nach einem Mega-Donnerwetter von einem Hauptdarsteller war wieder an Spielen zu denken.
Das find ich ja schon ne GANZ TRAURIGE und PEINLICHE NUMMER!!!! Bei ner 10. Klasse Gymnasium sollte man doch eingentlich so viel Hirn und Intelligenz erwarten, dáß man weiß wie man sich benimmt ... aber scheinbar haben die sich beides schon versoffen!!
ABSOLUTES NO-GO!!!!
ausnahmefehler
28.04.2009, 16:13
Mein Geschichtsunterricht war absolut furchtbar. Da könnte ich mich noch Jahre später endlos drüber aufregen. In zwei Jahren Geschichte in der Oberstufe habe ich NICHTS gelernt. Und ich frage mich, ob das nur war weil halt speziell unser Unterricht schlecht war, oder ob der Bildungskanon da versagt: In der zwölf sind wir von der Franz. Revolution bis Mitte 1. WK gekommen, die 13 bestand aus der 2. Hälfte des 1. WK (bis dahin würde ich schonmal sagen, dass es reicht dass man das in der Mittelstufe durchnimmt), dann Machtergreifung Nationalsozialisten. Kriegsende haben wir nur bruchstückhaft durchgenommen, Kalter Krieg war 1 oder 2 Unterrichtsstunden, Wiedervereinigung haben wir NICHTS gemacht und gerade das ist doch so wichtig. Vorgestern hab mich erst wieder darüber geärgert, als der Tschernobyl-Jahrestag war. Auch so ein Ereignis das den Gang der Geschichte wesentlich beeinflusst/geändert hat, und WARUM lernt man in der Schule nichts darüber, warum muss man DREI MAL diesen Weimarer Republik Rotz durchkauen?
Im allgemeinen befürworte ich Freie Schulen als Alternative zur Staatsschule, im Sinne eines Bildungshumanismus, der Wert auf Selbstverwirklichung und individuelle Freiheit legt & in dem die Verzweckung, die Vereinnahmung des Einzelnen durch den Staat außen vor bleiben muss. Also Eigenverantwortung statt Normierung. Finde das ganz wichtig.
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